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Gesichter

In Russland gibt es Hunderte von politischen Gefangenen. Und wir wollen über sie berichten. Unser Ziel ist es, die Gesichter und Schicksale von Russen, die sich dem Putin-Regime widersetzen, der Weltgemeinschaft durch städtische Ausstellungen zu zeigen.

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Gorinov

Foto: Kirill Kudryavtsev

Alexej Gorinow

Kommunalpolitiker

7 Jahre Haft

Am 15. März 2022 sagte Alexej Gorinow, der stellvertretende Vorsitzende des Abgeordnetenrates im Moskauer Stadtbezirk Krasnoselsky, anlässlich einer Routinesitzung zur Durchführung eines Malwettbewerbs für Kinder, folgende Sätze: „Wie können wir hier über einen Malwettbewerb für Kinder sprechen, während zur selben Zeit jeden Tag Kinder sterben? Zur Information: In der Ukraine sind bereits über 100 Kinder umgekommen. Alle Anstrengungen unserer Zivilgesellschaft sollten darauf abzielen, diesen Krieg zu stoppen und die russischen Truppen aus der Ukraine abzuziehen.“ Die Vorsitzende des Stadtrates, Elena Kotenotschkina, unterstützte ihren Kollegen.

Kurz darauf wurde, allein aufgrund dieser kurzen Stellungnahme, ein Strafverfahren wegen vorgeblicher Verbreitung von „Fake-News über die russische Armee“ gegen die beiden Abgeordneten eingeleitet. Elena Kotenotschkina verließ Russland, um einer Verhaftung zu entgehen – Alexej Gorinow aber blieb. Nicht, um das System herauszufordern, sondern weil er glaubte, nicht wirklich in Gefahr zu sein. „Bis zu meiner Verhaftung wurde ich weder verfolgt noch irgendwie bedroht. Ich habe immer noch nicht verstanden, warum das Regime auf einmal in dieser scharfen Form gegen mich vorgeht“, sagte er im November 2022.

Alexej Gorinow war schon zu Sowjetzeiten Parlamentsabgeordneter: Er arbeitete als Nachwuchsforscher am Moskauer Institut für Geodäsie, Luftbildfotografie und Kartografie, als er in das Moskauer Bezirksparlament gewählt wurde. Mit einer gewissen Nostalgie erinnert er sich an diese Zeiten, in denen die Menschen sehr viel mehr Freiheit hatten als heute. Als Boris Jelzin 1993 das Parlament mit Panzern beschießen ließ, legte Gorinow, empört über diesen Verstoß gegen demokratische Werte, auf der Stelle seinen Posten als Abgeordneter nieder und wurde Rechtsanwalt. Seit Anfang der 2000er Jahre verteidigt er bei Protestaktionen verhaftete Demonstranten, zum Teil ohne Honorar.

2022 stand Gorinow dann selbst vor Gericht. Aber er ließ sich auch jetzt nicht einschüchtern. Während einer Gerichtsverhandlung hielt er ein DIN-A4-Blatt in die Höhe, auf dem stand: „Braucht ihr diesen Krieg noch?“. Ein Gerichtsdiener stellte sich vor Gorinow, damit die Besucher das Blatt nicht sehen konnten. Alexej Gorinow wurde zu 7 Jahren Haft verurteilt.

Er war der erste, der nach dem neuen Strafgesetzbuchparagraphen gegen die „Verbreitung von Fake-News über die russische Armee“ verurteilt wurde.

Jashin
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Foto: Gennady Cherkasov

Ilja Jaschin

Politiker

8,5 Jahre Haft

Grund für die Einleitung eines Strafverfahrens gegen den Politiker Ilja Jaschin war ein Stream auf seinem populären YouTube-Kanal, in dem er über die Verbrechen der russischen Armee in Butcha sprach. Jaschin hielt sich dabei nicht an die offizielle Version der Ereignisse, sondern berichtete offen über die Verbrechen des russischen Militärs und über die zahlreichen Zivilisten, die von russischen Soldaten bestialisch ermordet wurden. Straftaten, die von den russischen Behörden lapidar als „reine Provokation“ bezeichnet wurden.

Ihm wurde daraufhin zu verstehen gegeben, er solle entweder das Land verlassen oder fortan den Mund halten. Jaschin erklärte hingegen, er werde weder sein Land verlassen, noch damit aufhören, über diesen Krieg öffentlich zu sprechen.

In seinem Schlussplädoyer zu seinem ersten Prozess sagte Jaschin: „Putin ist ein Kriegsverbrecher. Am Ende werde ich ihm meinen Platz im Gefängnis überlassen. Es gibt mir Kraft, dass ich mich Dieben und Mördern, die die Macht ergriffen haben, moralisch überlegen fühle. Sie wissen, dass ich keine Angst vor ihnen habe. Ich bin nicht vor ihnen weggelaufen, habe nie um Gnade gebettelt oder mich in die Knie zwingen lassen. Es gibt mir Kraft, mich verantwortlich für mein Land zu fühlen.“

Ilja Jaschin ist seit vielen Jahren aktiver Gegner der russischen Regierung. Schon in den 2000er Jahren gehörte er mehreren Oppositionsbewegungen an, er war eng befreundet mit dem bekannten Oppositionspolitiker Boris Nemtsow, der praktisch direkt vor den Kremlmauern erschossen wurde. Auch Alexej Nawalny galt als politischer Gefährte und Freund Jaschins.

Zu Beginn seiner politischen Tätigkeit hatte Jaschin eine Neigung zu publikumswirksamen Aktionen: So seilte er sich im Herbst 2006 von einer Brücke in der Nähe des Kremls ab und präsentierte dabei ein Transparent mit der Parole: „Gebt dem Volk die Wahlen zurück, ihr Bastarde!“ Ein Jahr später kleideten er und ein Mitglied der Jugendbewegung Jabloko sich in feuerfeste Kostüme und zündeten sich auf dem Platz vor dem Kreml an. Dabei entrollten sie ein Transparent mit der Aufschrift: „Keine Nachfolger, oder ihr sollt in der Hölle schmoren!“ Gemeint war damit der geplante Tausch der Präsidentenrolle zwischen Putin und Medwedew, um die russische Verfassung auszuhebeln, die nur zwei Amtszeiten erlaubte.

Später versuchte Jaschin wiederholt, bei Parlamentswahlen auf verschiedenen Ebenen zu kandidieren, wurde aber jedes Mal auf rechtswidrige Weise von den Wahlen ausgeschlossen. 2017 gelang es ihm dann doch noch, zum Stadtverordneten des Bezirks Krasnoselsky in Moskau gewählt zu werden, später wurde er sogar Vorsitzender dieses zentralen Moskauer Stadtbezirks.

Ende 2022 wurde Ilja Jaschin in einem erneuten Prozess, zu 8,5 Jahren Gefängnis verurteilt. In seinem Schlussplädoyer appellierte er diesmal an die Bürger Russlands: „Bitte verzweifelt nicht und vergesst nicht, dass dies unser Land ist. Es lohnt sich, dafür zu kämpfen. Seid mutig, weicht nicht zurück vor dem Bösen, leistet Widerstand. Steht ein für eure Straßen, für eure Städte. Und steht füreinander ein. Wir sind viel mehr, als es scheint, und wir sind eine gewaltige Kraft.“

Nuriev

Foto: Vladislav Lonshakov

Alexej Nurijew

Feuerwehrmann

Roman Nasrijew

Polizist

19 Jahre Haft

Am 1. August 2023 berichteten russische Medien, dass an nur einem Tag 11 Militärkommissariate in Russland in Brand gesetzt worden waren. In vielen Fällen, so stellte sich heraus, waren die Täter ältere Menschen. In Archangelsk zum Beispiel wurde der Brand von einem 76-jährigen, in Kaluga von einem 78-jährigen Rentner gelegt. Sie erklärten, sie seien telefonisch zu der Tat gezwungen worden, man habe gedroht, ihren Familienangehörigen etwas anzutun. Andere wieder sagten, man habe ihnen versprochen, dass ihnen ihre Schulden erlassen werden würden.

Aber natürlich gibt es auch Menschen, die aus ideologischen Gründen zu Brandstiftern wurden. Am 11. Oktober 2022 zum Beispiel versuchten zwei Männer in der Stadt Bakal in der Region Tscheljabinsk das Gebäude des örtlichen Militärkommissariats in Brand zu stecken. Bei den Tätern handelt es sich um den 37-jährigen Alexej Nurijew, ehemaliger Leiter einer Feuerwehr- und Rettungseinheit, und den 28-jährigen ehemaligen Polizisten Roman Nasrijew. Der Schaden blieb gering. Außer einem Stück Bodenbelag wurde nichts beschädigt, der Brand konnte von den Wachen schnell gelöscht werden.

Nurijew und Nasrijew wurden inhaftiert, angeklagt und wegen Durchführung eines Terroranschlags zu 19 Jahren Haft verurteilt.

Die beiden befreundeten Brandstifter waren bis zu ihrer Tat friedfertige und staatstreue Bürger, brave Familienmenschen, die gern Zeit mit ihren Kindern verbrachten. Nurijew hat eine kleine Tochter und einen 19-jährigen Stiefsohn, Nasrijew eine 4-jährige Tochter und einen kleinen Sohn, der geboren wurde, als er bereits im Gefängnis saß. Nasrijew erklärte, seine Einstellung zu dem Krieg in der Ukraine habe sich gegen Ende des Frühlings 2022 geändert, als ihm bewusst wurde, dass dort in der Ukraine so viele Zivilisten starben. Als dann die Teilmobilmachung in Russland verkündet wurde, und Nurijews Stiefsohn sich im wehrpflichtigen Alter befand, beschlossen er und sein Freund, zu handeln.

Im Juli 2023 erklärte die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ Alexej Nurijew und Roman Nasrijew zu politischen Gefangenen. Zwar sei ihre Aktion gewalttätiger Natur gewesen, so „Memorial“, gleichwohl habe in der Gerichtsverhandlung nicht bewiesen werden können, dass die Täter vorsätzlich menschliches Leben haben gefährden wollen und ihre Handlung erfülle bestenfalls den Straftatbestand der vorsätzlichen Sachbeschädigung.“

Nurijew und Nasrijew selbst sehen sich in keiner Weise als Terroristen. Vor Gericht erklärte Nasrijew: „Ich wusste aus den sozialen Netzwerken, dass durch solche Aktionen der Protest gegen die Teilmobilmachung und gegen die 'spezielle Militäroperation' zum Ausdruck gebracht wird. Aus Gesprächen mit Anderen war mir klar geworden, dass solche Aktionen den Menschen keine Angst machen, weil dabei ja niemand zu Schaden kommt. Die Menschen empfinden diese Einstellung im Gegenteil als sympathisch.“

Kara-Murza
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Foto: Alexandra Astakhova

Wladimir Kara-Mursa

Politiker, Journalist

25 Jahre Haft

Am 28. April 2023 trat in Russland eine Gesetzesänderung in Kraft. Hochverrat konnte nun mit lebenslanger Haft bestraft werden. Man könnte sagen, der Politiker Wladimir Kara-Mursa habe insofern noch Glück gehabt, als dass er wegen Hochverrats angeklagt und „nur“ zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde. Schuldig gesprochen wurde er in drei Urteilen, eines wegen Hochverrats, bei dem es keine Urteilsbegründung gab und weiterhin wegen der Zusammenarbeit mit der von Michail Chodorkowski gegründeten „unerwünschten Organisation“ Open Russia Foundation, sowie wegen der „Verbreitung von Fake-News über die russische Armee“. Nur zwei Wochen später wäre der Schuldspruch mit großer Wahrscheinlichkeit noch härter ausgefallen.

Kara-Mursa ist seit vielen Jahren ein konsequenter Kritiker der russischen Regierung. Zusammen mit seinem Freund, dem von Auftragskillern direkt von den Kremlmauern ermordeten Politiker Boris Nemtsow, setzte er sich dafür ein, dass jene russischen Staatsbeamte, Geschäftsleute, Sicherheitskräfte und Richter bestraft werden sollten, die verantwortlich waren für den Tod des Rechtsanwalts Sergej Magnitski, der in der Haft verstarb. Kara-Mursa fragte bei US-Kongressabgeordneten an, ob die Verantwortlichen am Tod des Anwalts sanktioniert werden könnten. Diese Personen waren auf der sogenannten „Magnitski-Liste“ aufgeführt. Kara-Mursa setzte sich ebenfalls dafür ein, dass auch Personen auf die Liste kamen, denen generell „schwere Menschenrechtsverletzungen in Russland“ vorgeworfen wurden.

Im Gefängnis verschlechterte sich Kara-Mursas Gesundheitszustand rapide. Er nahm über 20 Kilogramm ab und es wurde eine Polyneuropathie der unteren Gliedmaßen diagnostiziert – eine Krankheit, die normalerweise zu Haftunfähigkeit führt. Sie ist, aller Wahrscheinlichkeit nach, die Folge zweier Giftanschläge, denen Kara-Mursa 2015 und 2017 zum Opfer fiel und die er jeweils nur knapp überlebte. 2021 recherchierten Journalisten, dass er seinerzeit von genau denselben FSB-Offizieren verfolgt wurde, die man 2020 auf Alexej Nawalny angesetzt hatte.

Kara-Mursa ist sicher, dass der russische Staat ihn aus Rache für seine Oppositionstätigkeit und die Lobbyarbeit für das Magnitski-Gesetz ermorden wollte. Für die russische Obrigkeit ist er ein Staatsverräter, er selbst aber hält dieses Magnitski-Gesetz für „nicht anti-russisch, sondern pro-russisch.“ Er sagt: „Wenn in Russland ein normales Justizsystem entsteht, werde ich selbst der Erste sein, der die Aufhebung des Gesetzes fordert.“

Nach dem Beginn der großflächigen Invasion in der Ukraine bezog Kara-Mursa offen gegen den Krieg Stellung. Obwohl das Risiko einer Verhaftung immer realer wurde, weigerte er sich, das Land zu verlassen. Als er dann vor Gericht gestellt wurde, sagte er in seinem Schlussplädoyer: „Ich weiß, der Tag wird kommen, an dem sich die Dunkelheit über unserem Land lichten wird. Wenn man Schwarz wieder Schwarz nennen wird, und Weiß wieder Weiß, wenn offiziell anerkannt wird, dass zwei und zwei immer noch vier sind; wenn ein Krieg als Krieg und ein Usurpator als Usurpator bezeichnet wird; und wenn diejenigen, die diesen Krieg angestiftet und entfesselt haben, als Verbrecher anerkannt werden, und nicht diejenigen, die versucht haben, ihn zu stoppen.“

Der vorsitzende Richter Podoprigorow, der dem Politiker das Urteil verlas, steht ebenfalls auf der Magnitski-Liste.

Krieger
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Foto: Alexandra Astakhova

Michail Kriger

Aktivist

7 Jahre Haft

Seit Kriegsbeginn ist das ukrainische Volkslied „Chervona Kalyna“ zu einem Symbol des Widerstands gegen die russische Invasion geworden. Der Frontman der ukrainischen Band „BoomBox“ machte diesen Marsch ukrainischer Legionäre aus dem Ersten Weltkrieg im Februar 2022 populär. Zu diesem Zeitpunkt war er, wie so viele andere, bereits in die Territorialverteidigungskräfte der Stadt Kiew eingetreten. Später verwendete Pink Floyd ein Fragment seines Songs in ihrem Lied „Hey Hey, Rise Up“, dessen Erlös vollständig an die Ukraine ging.

 

Es ist nicht verwunderlich, dass gerade dieses Volkslied in Russland verboten wurde, da es ein Symbol des ukrainischen Widerstandskampfes darstellt. Auf der Krim erhielt der Besitzer eines Restaurants, in dem „Chervona Kalyna“ auf einer Hochzeit gespielt wurde, 15 Tage Gefängnis, der DJ und eine Tänzerin jeweils 9 Tage, die Mutter des Bräutigams 5 Tage. Die Mutter der Braut musste eine Geldstrafe von 40.000 Rubeln (ca. 400 EUR) zahlen.

 

Mikhail Kriger, ein langjähriger Aktivist der russischen Anti-Putin-Bewegung, sang „Chervona Kalyna“ während seines Gerichtsprozesses. Der Staatsanwalt forderte für ihn 9 Jahre Gefängnis wegen „öffentlicher Rechtfertigung von Terrorismus und öffentlicher Anstiftung zu Hass und Feindseligkeit“. Kriger hatte auf Facebook zwei Beiträge gepostet: „Wir stellen nunmehr offiziell fest, dass heute die Ungeheuer der Tscheka (die Tscheka war die erste Geheimpolizei in der sowjetischen Geschichte Russlands, Anmerkung der Redaktion) die Macht über die Menschen an sich gerissen haben und sie schmatzend und knirschend zermalmen“, schrieb er. Einen Mann, der sich 2018 im Gebäude des Archangelsker FSB in die Luft gesprengt hatte, nannte er einen „echten Helden“. In seinem zweiten Facebook-Post äußerte Kriger über Putin: „Glauben Sie mir, wenn ich es jemals erleben sollte, dass diese KGB-Missgeburt endlich aufgehängt wird, dann werde ich alles tun, um bei diesem inspirierenden Ereignis dabei sein zu können.“

 

Kriger ist vielleicht nicht der populärste, dafür aber ein umso aktiverer Angehöriger der Demokratie- und Menschenrechtsbewegung Russlands, und das schon seit den späten 80er Jahren. Seit dieser Zeit nimmt er regelmäßig an Kundgebungen und Aktionen zur Unterstützung politischer Gefangener teil. Von Beruf ist er Baggerfahrer, in den letzten Jahren hat er sein Geld mit der Vermietung von Baumaschinen und der Auslieferung von Lebensmitteln verdient. Kriger gehört sicher nicht zu den Anführern der Opposition, trotzdem war es den Sicherheitskräften offensichtlich ein Anliegen, ihn wegzusperren.

Er sprach aus, was viele Menschen in Russland denken, sich aber aus Angst vor Verhaftung nicht zu sagen trauen. Im Mai 2023 wurde Michail Kriger für seine Worte, zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt.

Chanysheva
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Foto aus Instagram

Lilija Tschanyschewa

Politikerin

9,5 Jahre Haft

Lilija Tschanyschewa, Absolventin der renommierten Finanzakademie in Moskau, arbeitete als Wirtschaftsprüferin in einer Niederlassung des internationalen Unternehmens Deloitte in der Stadt Ufa in der russischen Teilrepublik Baschkirien. Lilija verdiente sehr gut, und sie hätte in ihrem Beruf Karriere machen können – stattdessen gab sie ihn 2017 auf, um fortan gegen das Putin-Regime zu kämpfen.

Sie übernahm die Leitung des lokalen Stabes von Alexej Nawalny in Ufa und startete eine rege politische Aktivität. So organisierte sie Kundgebungen und Demonstrationen oder unterstützte Bürgerinitiativen wie zum Beispiel jene gegen den geplanten Abbau von Kalkstein an dem als Naturdenkmal geschützten Berg Kuschtau. Sie bemühte sich sogar um eine Kandidatur bei den Wahlen zum Bezirksparlament ihrer Heimatstadt.

Als 2021 Nawalnys Bewegung als extremistisch eingestuft wurde und Nawalny selbst zu einer weiteren Haftstrafe verurteilt wurde, verließen viele seiner Anhänger und Mitarbeiter gezwungenermaßen das Land. Lilija blieb, beendete jedoch ihre politische Tätigkeit und widmete sich von da ab nur noch ihrer Familie. Noch sechs Monate, bevor sie selbst ebenfalls verhaftet wurde, heiratete sie. Statt Kinder zu bekommen, wie sie es sich wünschte, sitzt sie nun im Gefängnis. Ihr Ehemann, Almaz Gatin, kann sich immer noch nicht damit abfinden, aber er unterstützt seine Frau so gut er kann. „Ich bewundere meine Frau, wie stark sie ist und wie selbstlos sie für ihre Stadt, ihre Republik und die Menschen hier im Land kämpft. Ich bin dankbar dafür, dass ich einen solchen Menschen an meiner Seite habe, dafür, dass es sie gibt“, sagt er.

Die Anklage gegen Lilija lautete auf „Gründung einer extremistischen Vereinigung und Unterstützung einer Organisation, die die persönlichen Rechte der Bürger gefährdet“. Und das, obwohl sie mit nichts anderem als mit legalen politischen Protestaktionen zu tun hatte!

Das Gericht verurteilte Lilija Tschanyschewa am 14. Juni 2023 zu 7,5 Jahren Gefängnis. Im April 2024 wurde die Haftstrafe auf Antrag der Staatsanwaltschaft auf 9,5 Jahre verlängert.

Dmitriev
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Foto: Igor Podgorny

Jurij Dmitrijew

Menschenrechtsaktivist

15 Jahre Haft

Am 1. Juli 1997 entdeckte der Menschenrechtsaktivist und Lokalhistoriker Jurij Dmitrijew im Waldgebiet Sandarmoch in der Nähe der Stadt Medweschjegorsk ein Massengrab mit Opfern des Großen Terrors. So wird die Säuberungswelle unter Stalin in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts bezeichnet. Einige Zeit später übernahm er die Leitung des lokalen Büros der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ in Karelien. Diese Organisation erforscht die politische Verfolgung in der ehemaligen UdSSR und im heutigen Russland. Seitdem Putin, bekanntermaßen ein ehemaliger KGB-Mitarbeiter, an der Macht ist, wird „Memorial“ verfolgt. 2014 wurde die Organisation als „ausländischer Agent“ eingestuft, 2021 wurde sie durch ein Urteil des Obersten Gerichtes endgültig aufgelöst.

Strafverfahren sind eines der üblichen Mittel, mit dem die russische Administration politisch missliebige Personen einzuschüchtern versucht. Diese Methode wendet man auch gegen die leitenden Mitarbeiter von „Memorial“ an. Jurij Dmitrijew wurde in der Nacht des 27. Juni 2018 festgenommen und wegen der Herstellung von Kinderpornografie und illegalem Waffenbesitz angeklagt. Als Vorwand für diese Anklage dienten Fotos seiner Adoptivtochter, die für einen Bericht über deren Gesundheitszustand an die Vormundschaftsbehörden angefertigt worden waren.

Der Prozess zog sich über 5 Jahre hin. Jurij wurde zunächst freigesprochen, aber die Staatsanwaltschaft legte Berufung gegen das Urteil ein. Es wurde ein neues Strafverfahren eröffnet, diesmal wurde Jurij angeklagt wegen sexueller Gewalt gegen eine Minderjährige.

Jurij Dmitrijew wurde zu 3,5 Jahren Gefängnis verurteilt, in einem Nachverfahren wurde das Strafmaß jedoch auf 15 Jahre erhöht. „Der Historiker Dmitrijew wurde dafür bestraft, dass er Mörder Mörder nannte — Mörder, deren Portraits heute wieder in den Amtsstufen der Behörden hängen. Er erbrachte Beweise für die Verbrechen der Tschekisten (die Tschekisten waren die Mitarbeiter der Tscheka, der ersten Geheimpolizei in der sowjetischen Geschichte Russlands, Anmerkung der Redaktion) von damals, die heute wieder als Helden gefeiert werden“, kommentierte der Journalist Renat Davletgildeev dieses absurde Urteil.

Der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ wurde 2022 zusammen mit zwei anderen der Friedensnobelpreis verliehen. Nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine mussten die meisten ihrer Mitarbeiter Russland verlassen. Gegen mehrere im Land gebliebene Personen wurden Strafverfahren eingeleitet, die Website der Organisation wurde in Russland blockiert.

Navalny
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Foto: Alexandra Astakhova

Alexej Nawalny

Politiker

19 Jahre Haft, im Gefängnis ermordet

„Ihr denkt jetzt bestimmt, dass ich verrückt bin und ihr alle normal, weil man doch nicht gegen den Strom schwimmen darf“, wandte sich Alexej Nawalny, Russlands bekanntester Oppositionsführer, während einer Gerichtsverhandlung im Juli 2023 an die Richter und Gerichtsdiener. „Ich denke aber, die Verrückten, das seid ihr. Womit verschwendet ihr eure Lebenszeit? Damit, dass ihr euch schwarze Roben überzieht und diejenigen schützt, die auch euch betrügen? So helft ihr doch nur einem, der schon zehn Paläste besitzt, sich noch einen elften zu bauen!“

Wenige Tage später wurde Nawalny zu 19 Jahren Lagerhaft verurteilt: wegen der angeblichen Finanzierung von Extremismus, wegen der Bildung einer extremistischen Gemeinschaft und wegen des Aufrufs zu Extremismus im Internet. Zum Zeitpunkt seines Prozesses befand sich Nawalny bereits im Gefängnis, die Verhandlung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Im Sommer 2020 erkrankte Nawalny an Bord eines Flugzeugs akut, er fiel ins Koma und wurde in ein Krankenhaus in Omsk gebracht. Auf massiven öffentlichen Druck wurde er einige Tage später in die Berliner Charité verlegt. Die deutsche Regierung gab später bekannt, dass Nawalny mit einem Nervengift der "Nowitschok"-Gruppe vergiftet worden war, was anschließend durch unabhängige journalistische Recherchen bestätigt wurde. Man konnte beweisen, dass der russische Geheimdienst FSB versucht hatte, Nawalny zu ermorden. Er war über einen längeren Zeitraum hinweg von Agenten des FSB auf Schritt und Tritt verfolgt worden. Es konnte sogar nachgewiesen werden, dass es sich dabei um dieselben handelte, die auch auf den Politiker Wladimir Kara-Mursa (auf den zwei Giftanschläge verübt wurden), den Schriftsteller Dmitrij Bykov und andere Oppositionellen angesetzt worden waren.

Obwohl ihm vollkommen bewusst war, welches Risiko er einging, kehrte Nawalny im Januar 2021 nach Russland zurück. Er wurde direkt am Flughafen festgenommen und sehr schnell zu vorläufig 3,5 Jahren Gefängnis verurteilt. Kurz darauf wurde das Strafmaß auf 9 Jahre erhöht. Über einen Zeitraum von anderthalb Jahren, erzählte Nawalny, hielt er ganze siebenmal ein Schlussplädoyer vor Gericht. Die Strafverfahren gegen ihn hatten zunehmend Ähnlichkeit mit einer Komödie. Im letzten seiner insgesamt vier Prozesse wurde das Strafmaß auf 19 Jahre angehoben.

Das neueste Urteil schockiert nicht nur wegen des exorbitanten Strafmaßes. Es wurde zusätzlich Antrag auf verschärfte Haftbedingungen gestellt, wie sie normalerweise nur für Terroristen und Serienmörder vorgesehen sind. In den Zellen brennt Tag und Nacht ununterbrochen Licht, den Häftlingen ist jeglicher Kontakt zu anderen Inhaftierten untersagt, sie dürfen nicht einmal ihre Verwandten sehen und in den ersten 10 Jahren ihrer Haft ist nicht einmal Briefverkehr erlaubt.

In den letzten Jahren haben die russischen Behörden nicht nur Nawalny selbst verfolgt, sondern auch seine regionalen Stäbe und seine Anti-Korruptions-Stiftung (FBK) zerschlagen, indem sie sie zu extremistischen Organisationen erklärt haben. Es gab schon Dutzende von Strafverfahren gegen ehemalige Mitarbeiter: Lilija Tschanyschewa erhielt 7,5 Jahre Gefängnis, Wadim Ostanin, der Leiter des Stabs in Barnaul 9 Jahre, Daniel Kholodny, technischer Direktor des YouTube-Kanals „Nawalny-LIVE“ 8 Jahre.

Trotz allem setzt Nawalnys Team seine Arbeit vom Ausland aus fort und deckt immer wieder neue Fälle von Korruption und Beispiele des dekadenten Lebensstils russischer Staatsbeamter auf.

Am 16. Februar 2024 starb Nawalny in der Kolonie „Polarwolf“ im Norden Russlands, in der Permafrostzone, offiziell unter ungeklärten Umständen. Sein Mitkämpfer Ilja Jaschin und andere Oppositionelle sind sich sicher: Der Befehl, Nawalny zu töten, wurde von Wladimir Putin persönlich erteilt.

Eine Kundgebung in Zürich, Schweiz, zum Gedenken an Alexej Nawalny.
Foto: Novaya Gazeta Europa

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Foto aus Facebook

Andrej Piwowarow

Politiker

4 Jahre Haft

Am 31. Mai 2021 wurde in Sankt Petersburg ein Flugzeug, das sich schon auf der Startbahn befand, unvermittelt gestoppt – kurz vor seinem Abflug nach Warschau. Einer der Passagiere, Andrej Piwowarow, ehemaliger Direktor von Open Russia (einer von Michail Chodorkowskij gegründete Organisation) sah, wie sich ein Fahrzeug des FSB dem Flugzeug näherte und rief daraufhin seine Freundin Tatjana Usmanowa an.

Piwowarow wurde aus dem Flugzeug heraus festgenommen und dem Haftrichter vorgeführt, es wurde Anklage erhoben wegen vorgeblicher Tätigkeit in einer „unerwünschten Organisation“. Nach russischem Recht sind solche Organisationen ausländische oder internationale gemeinnützige Organisationen, deren Tätigkeit „eine Bedrohung für die Grundlagen der verfassungsmäßigen Ordnung der Russischen Föderation, die Verteidigungsfähigkeit des Landes oder die Staatssicherheit darstellen kann“. Sie dürfen auf dem Territorium der Russischen Föderation nicht tätig sein, und Russen, die mit solchen Organisationen zusammenarbeiten, drohen Haftstrafen.

Mit Stand Herbst 2023 gibt es bereits mehr als 100 solcher „unerwünschten Organisationen“ in Russland, darunter unabhängige Medien wie der Fernsehsender „TVRain“ oder die Zeitung „Novaya Gazeta Europe“ sowie „Greenpeace“ und der „World-Wildlife-Found“. Bisher wurden jedoch ausschließlich ehemalige Mitarbeiter von Open Russia strafrechtlich belangt, obwohl die Organisation im Mai 2021 ihre Tätigkeit in Russland beendete.

Am 15. Juli 2022 verurteilte das Gericht Piwowarow zu 4 Jahren Gefängnis. Seine Anhänger glauben, dass man den Politiker hinter Gittern gebracht hat, weil er seit vielen Jahren gegen das Putin-Regime kämpft und 2021 auch für die Wahlen zur Staatsduma kandidieren wollte. Erst zehn Tage vor seiner Festnahme hatte er ein Wahlkampfvideo veröffentlicht. „Natürlich waren mir die Risiken, die ich einging, immer bewusst. Aber ich habe keine Angst vor Druck und Schikanen. Und ich bin bereit, diese Verantwortung zu übernehmen. Ich habe einen Sohn. Er ist noch klein, er geht noch nicht zur Schule, und ich möchte, dass er in einem freien Russland aufwächst“, sagte Piwowarow. Seine Kandidatur hielt er aufrecht, musste seine Wahlkampagne aber aus der Gefängniszelle heraus führen.

Zur Zeit sitzt Piwowarow seine Haftstrafe in der karelischen Strafkolonie Nr. 7 ab. Er befindet sich dauerhaft nicht in einer gewöhnlichen Zelle, sondern in einem kleinen, separaten Raum, isoliert von den anderen Gefangenen. Im Grunde ist es ein „Gefängnis innerhalb des Gefängnisses“: das Bett, auf dem er schläft, wird von 5 bis 21 Uhr an die Wand hochgeklappt, schreiben darf er nur unter größter Einschränkung, man gibt ihm einen Bleistift „nach Zeitplan“. Der Zugang zu Informationen ist ihm verwehrt: Im Radio läuft nur Musik.

Im Juli 2023 hat Andrej Piwowarow seine Freundin Tatjana Usmanowa geheiratet. Die Hochzeit fand in der Strafkolonie statt.

Skochilenko
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Foto: Alexandra Astakhova

Sascha Skotschilenko

Künstlerin

7 Jahre Haft

Am Abend des 31. März 2022 betrat Sascha Skotschilenko einen Supermarkt in St. Petersburg und überklebte die Preisschilder an den Waren mit Informationen über den Beschuss des Mariupoler Theaters und den Tod ukrainischer Zivilisten. Eine 72-jährige Kundin beobachtete sie dabei und denunzierte sie. Im April 2022 wurde Sascha festgenommen, im November 2023 schließlich zu sieben Jahren Haft verurteilt.

2014 hatte Sascha einen Comicstrip mit dem Titel „Das Buch der Depression“ veröffentlicht. Darin erklärte sie, was diese Krankheit ist und wie man sie bei seinen Familienangehörigen oder seinen Freunden erkennen kann. Nach Kriegsbeginn nahm Skotschilenko an Protestaktionen teil und organisierte offene musikalische „Peace Jams“. Sie zeichnete eine Serie von Postkarten mit den Slogans: „Liebe ist stärker als Krieg und Tod“ und „Menschenleben haben keinen Preis“.

Im Gefängnis beklagte sich Skotschilenko wiederholt über ihren schlechten Gesundheitszustand, unter anderem auch das Wiederauftreten ihrer Depression. Angemessene medizinische Versorgung wurde ihr jedoch verwehrt. Sascha leidet an einer bipolaren affektiven Störung und einer Glutenunverträglichkeit, aber schon während ihrer Untersuchungshaft bekam sie weder die notwendigen Medikamente noch glutenfreies Essen.

In einem Brief aus dem Gefängnis schrieb Sascha: „Es hat sich so ergeben, dass ich gerade all das repräsentiere, was das Putin-Regime nicht tolerieren kann: Kreativität, Pazifismus, LGBT, psychologische Bildung, Feminismus, Humanismus und die Liebe zu allem Hellen, Vielfältigen, Ungewöhnlichen.“

Saschas Freundin Sofia Subbotina ist Initiatorin einer Kampagne zur Unterstützung der verurteilten Künstlerin. Ein ganzes Jahr lang durften sie sich nicht sehen und noch nicht einmal miteinander telefonieren. Im Sommer 2023 gab Sofia bekannt, dass bei ihr ein Krebsleiden diagnostiziert wurde.

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Foto aus den sozialen Medien

Natalja Filonowa

Aktivistin, Rentnerin

verurteilt zu 2 Jahren und 10 Monaten

Die Rentnerin Natalja Filonowa lebt im russischen Fernen Osten, in der Teilrepublik Burjatien, die von der Teilmobilmachung besonders hart betroffen war. Männer wurden mitten auf der Straße festgenommen und in Militärkommisariate gebracht. Polizisten holten junge Männer direkt in ihren Wohnungen ab und gaben ihnen gerade einmal 30 Minuten Zeit zum Packen.

Natalja hat sich schon ihr ganzes Leben lang für Menschenrechte eingesetzt, so gab sie eine Zeitung heraus und arbeitete mit verschiedenen oppositionellen politischen Bewegungen zusammen. Nach dem 24. Februar 2022 positionierte sie sich öffentlich gegen den Krieg. Im April 2022 stieg die Rentnerin in einen Bus, wo sie einen großen Aufkleber mit dem Buchstaben „Z“ sah, dem Symbol für die russische Aggression gegen die Ukraine. Sie forderte den Busfahrer auf, den Aufkleber zu entfernen, dieser jedoch rief statt dessen die Polizei.

Im September desselben Jahres wurde Natalja bei einer Kundgebung gegen die Teilmobilmachung festgenommen. Der Staatsanwalt behauptete, sie, eine 60-jährige Rentnerin, habe die vier Polizisten, die sie in einem Polizeiwagen bewachten, tätlich angegriffen. Sie habe einen von ihnen mit einem Stift ins Gesicht geschlagen und einem anderen einen Finger gebrochen.

Nach ihrer Verhaftung wurde Natalja zunächst unter Hausarrest gestellt, da sie einen behinderten Adoptivsohn zu versorgen hat. Als der Sohn einmal bei ihrem Mann zu Besuch war, der in einem anderen Dorf lebte, erlitt dieser einen Herzinfarkt und wurde von einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. Der Sohn blieb allein zurück. Natalja musste ihn dort abholen, und deshalb natürlich ihre Wohnung, in der sie in Hausarrest festsaß, verlassen. Sie informierte also den verantwortlichen Inspektor über diese Notsituation, trotzdem wurde sie daraufhin in Untersuchungshaft verbracht, ihr Adoptivsohn in ein Waisenhaus eingewiesen. Es gelang ihm einige Zeit später, eine Nachricht an die Mutter senden, in der er berichtete, dass die anderen Kinder ihn auf Anweisung des Direktors der Einrichtung hänselten und mobbten.

Natalja Filonowa begann einen Hungerstreik, der jedoch ohne Erfolg blieb. Am 31. August 2023 wurde sie zu 2 Jahren und 10 Monaten Gefängnis verurteilt.

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Foto: Alexandra Astakhova

Dmitri Iwanow

Aktivist, Student

8,5 Jahre Haft

Am 1. Juni 2022 sollte Dmitri Iwanow an der Fakultät für Rechnungsmathematik und Kybernetik der Lomonossow-Universität Moskau, abgekürzt MSU, der wichtigsten Uni des Landes, sein Diplom verteidigen. Leider konnte er zu diesem für ihn bedeutenden Ereignis nicht erscheinen, denn er befand sich zu diesem Zeitpunkt in Haft. Er saß eine 25tägige Verwaltungsstrafe ab, für die angeblich „wiederholte strafbare Durchführung von Kundgebungen“. Am letzten Tag seiner Haft wurde Iwanow sofort erneut festgenommen: dieses Mal erwartete ihn ein wesentlich umfangreicheres Strafverfahren. Im Juli wurde er exmatrikuliert, da er nicht an seiner Abschlussprüfung hatte teilnehmen können.

Zum ersten Mal hatte Dmitri Iwanow im Jahr 2017 an einer Protestkundgebung teilgenommen. Zu dieser Zeit gingen in Moskau unzählige Menschen auf die Straße, um gegen den damaligen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew zu protestieren. Grund dafür war eine investigative Recherche Alexej Nawalnys über die skandalösen Korruptionsdelikte des ehemaligen russischen Präsidenten, die auf YouTube veröffentlicht wurde. Dmitri, damals noch minderjährig, wurde festgenommen und musste später von seiner Mutter auf dem Polizeirevier abgeholt werden. Sie flehte ihn danach an, nie wieder an Protestaktionen teilzunehmen. Aber Dmitri ließ sich nicht beirrten, er wollte für Gerechtigkeit kämpfen. Als 2018 dutzende Studenten und Dozenten der Lomonossow Universität gegen eine Fanzone bei der Fußballweltmeisterschaft direkt vor den Toren der Uni protestierten, richtete er den anonymen Telegram-Kanal „Protest MSU“ ein.

Dmitri Iwanow unterstützte immer wieder politische Gefangene, sei es im Internet, sei es bei zahlreichen öffentlichen Aktionen; auch nahm er wiederholt an Gerichtsverhandlungen teil. Immer wieder wurde er verhaftet. Allein zwischen 2020 und 2022 verbrachte er über 100 Tage in Haft.

Als Russland die Ukraine angriff, war die Zeit für die Staatsmacht reif, für einen echten Strafprozess gegen den Aktivisten. Er wurde angeklagt wegen Diskreditierung der russischen Armee und wegen der Verbreitung von Fake-News. Als Beweis wurden zehn Posts aus Iwanows Telegram-Kanal angeführt, zum großen Teil Reposts über die Ereignisse in Butscha, Mariupol und anderen ukrainischen Städten. „Alle Vorwürfe klingen für mich vollkommen absurd, und überhaupt dürfte dieses Gesetz, dessen Verletzung man mir vorwirft, grundsätzlich gar nicht erst existieren. Mir tut es gut, einfach nur eine konsequente Haltung zu haben und die Wahrheit zu sagen“, erklärte Dmitri Iwanow in seinem Schlussplädoyer.

In der Prozessakte heißt es: „Durch seine kriminellen Handlungen hat Iwanow, Dmitri, eine Vielzahl von Menschen über das rechtmäßige Vorgehen der russischen Streitkräfte während der Spezialoperation in die Irre geführt, er hat die Autorität und das Ansehen der Streitkräfte der Russischen Föderation in der Gesellschaft untergraben und bei den Bürgern, die seine Stellungnahmen gelesen haben, Furcht und Schrecken, Unsicherheit und Angst vor den Behörden verursacht.“

Im März 2023 wurde der 23-jährige Dmitri Iwanow für dieses angeblich schreckliche Verbrechen zu 8,5 Jahren Haft verurteilt. Die Wiederaufnahme des Studiums an der Universität und die Verteidigung seines Diploms ist nur innerhalb von 5 Jahren möglich, danach müsste er sein Studium wieder ganz von vorne beginnen.

Ponomarenko
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Foto: Sota

Maria Ponomarenko

Aktivistin, Journalistin

6 Jahre Haft

Maria Ponomarenko begann sich erst im Alter von über 40 Jahren politisch zu engagieren. Seit 2020 arbeitete sie für das Online-Projekt „Rusnews“, zu der Zeit bekannt für Streams von Protestaktionen. Außerdem beschäftigte sie sich mit der Situation von Waisenkindern, die dem Gesetz nach mit ihrer Volljährigkeit eine Wohnung vom Staat geschenkt bekommen müssen, in der Realität aber aufgrund der üblichen Korruption oftmals leer ausgehen.

Ponomarenko gelang es, dass gegen mehrere korrupte Beamte Strafverfahren eingeleitet wurden. „Sie hat in ein echtes Wespennest gestochen! Es gab alles: Drohungen, nächtliche Anrufe, nicht zu vergessen die Bußgelder und die Besuche von Sicherheitskräften in ihrer Wohnung. Ich sagte ihr manchmal: 'Maria, vielleicht lässt du das lieber sein? Ich mache mir Sorgen um dich.' Sie aber antwortete: 'Nein, ich gehe bis zum Schluss!'“, erzählt ihre Freundin Jana Drobnohod, ebenfalls eine politische Aktivistin.

Später wurde Maria Ponomarenko mehrmals bei verschiedenen Protestaktionen festgenommen. Für das Video „Putin, tritt zurück! Chabarowsk, ich bin bei euch!“, das sie auf TikTok postete und in dem sie den Präsidenten als „Arschloch“ bezeichnete, das seine Versprechen nicht gehalten hat, wurde sie zu einer Geldstrafe von 50.000 Rubel (damals etwa 500 Euro) verurteilt.

Maria sprach sich auch öffentlich gegen den Krieg in der Ukraine aus. Im April 2022 wurde sie in St. Petersburg wegen eines Posts auf Telegram festgenommen, in dem sie von der Bombardierung des Theaters in Mariupol durch russisches Militär berichtete. Da die Russische Föderation die eigene Beteiligung an diesem Verbrechen bestreitet, wurde Ponomarenko wegen der „Verbreitung von Falschnachrichten“ über die russische Armee angeklagt. Die Journalistin selbst aber ist davon überzeugt, dass es sich um Rache für ihren Kampf gegen die Korruption in Barnaul handelt.

Marias Tochter Ekaterina beschreibt ihre Mutter so: „Sie ist eine starke, selbstbewusste Frau, sie wird alles durchstehen.“ Und so kämpfte Ponomarenko auch im Untersuchungsgefängnis weiter: Sie erzählte anderen Gefangenen die Wahrheit über den Krieg und protestierte gegen die Gefängnisverwaltung, die Druck auf sie ausübte, um sie zum Schweigen zu bringen. Anfang September 2022 aber kapitulierte sie und schnitt sich die Venen auf.

Maria Ponomarenko hatte nicht nur mit den Behörden Probleme. Als sie irgendwann aus der Untersuchungshaft in den Hausarrest entlassen wurde, musste sie sich mit ihrem Ex-Mann, einem Putinanhänger und Unterstützer des Angriffskrieges in der Ukraine, in derselben Wohnung aufhalten. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen, bei denen er sie eines Tages sogar beinahe erwürgte. Maria ging daraufhin freiwillig ins Gefängnis zurück, weil ein Hausarrest nur in der vom Gericht zugewiesenen Wohnung durchgeführt werden darf, sie mit diesem Menschen aber nicht in einer Wohnung sein wollte.

Im Februar 2023 wurde Maria Ponomarenko zu 6 Jahren Haft verurteilt. Ihre beiden Töchter standen damit quasi ohne Eltern da: Die Mutter im Gefängnis wegen ihrer Anti-Kriegs-Haltung, und der Vater an der Front, um gegen die Ukraine zu kämpfen.

Moskalev
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Foto: AP

Alexej Moskaljow

Unternehmer

2 Jahre Haft

Am 24. April 2022 zeichnete Mascha Moskaljowa, Schülerin der sechsten Klasse in der kleinen Stadt Efremow in der Region Tula, im Kunstunterricht ein Anti-Kriegs-Bild. Es zeigte eine russische Flagge mit der Aufschrift „Nein zum Krieg“ und eine ukrainische Flagge mit der Aufschrift „Ruhm der Ukraine“. Dazwischen eine Frau, die ihr Kind vor russischen Raketen schützt. Maschas Lehrerin meldete das dem Schulleiter.

Als Maschas alleinerziehender Vater Alexej Moskaljow seine Tochter am nächsten Tag zur Schule brachte, wurden die beiden bereits von der Polizei erwartet und umgehend zum Verhör aufs Revier gebracht. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Polizisten die Profile des Vaters in den sozialen Netzwerken bereits überprüft und diesen Kommentar gefunden: „Die russische Armee: Vergewaltiger von nebenan.“ Noch am selben Tag wurde Moskaljow zu einer Geldstrafe von 32.000 Rubeln (etwa 320 Euro) verurteilt.

Und dann begann sich der russische Geheimdienst FSB für Moskaljow zu interessieren. Am 27. Dezember 2022 wurde gegen ihn ein Strafverfahren wegen „öffentlicher Diskreditierung des Einsatzes der Streitkräfte der Russischen Föderation“ eingeleitet. Drei Tage später wurde die Wohnung der Familie durchsucht: Computer, Handy und alles Bargeld wurde beschlagnahmt. Moskaljow selbst wurde zum Verhör gebracht. Auf dem Revier wurde er nach eigener Aussage „mit dem Kopf gegen Wand und Boden geschlagen“.

Am 2. März 2023 wurden Vater und Tochter voneinander getrennt: Das Gericht in Efremow stellte Alexej unter Hausarrest, seine Tochter Mascha wurde in ein soziales Rehabilitationszentrum für Minderjährige gesteckt. Die Trennung belastete sie beide sehr stark. Am 29. März schrieb Mascha ihrem Vater aus dem Heim: „Ich liebe dich sehr und weiß, dass dich keine Schuld trifft, ich werde immer zu dir halten, alles, was du tust, ist richtig. Bitte gib nicht auf. Eines Tages werden wir zu Hause an unserem Tisch sitzen und uns an alles erinnern. Wir sind stark, wir schaffen das, und ich werde für dich und uns beten, Papa.“

Das Menschenrechtszentrum Memorial, das 2022 den Friedensnobelpreis erhielt, versichert, dass noch nie zuvor in der Geschichte der Russischen Föderation ein Gericht ein Kind aus politischen Gründen von seinen Eltern getrennt hat. Zuletzt hatte es diese Praxis in den 1970er Jahren in der Sowjetunion gegeben, wo Kinder von politischen Gefangenen zwangsweise in Waisenhäusern untergebracht wurden.

Am 28. März 2023 wurde Alexej Moskaljow zu 1 Jahr und 10 Monaten Haft verurteilt, erschien aber nicht zur Urteilsverkündung. Er war aus dem Hausarrest geflohen, in der Hoffnung, dass er im Ausland mit Mascha wiedervereint werden könne. Bald darauf wurde er jedoch in Minsk festgenommen und am 3. Juli zu einer noch härteren Strafe verurteilt, ergänzt um ein zweijähriges Verbot der Betreibung von Internetwebseiten.

In seinem Schlussplädoyer vom 3. Juli 2023 bat Alexej Moskaljow darum, ihn zur Höchststrafe zu verurteilen und das so schnell wie möglich, weil er die Trennung von seiner Tochter nicht mehr ertragen könne. Er meinte damit die Todesstrafe, die seit 1999 durch ein Moratorium blockiert ist.

Sautieva
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Foto: Fortanga

Sarifa Sautiewa

Aktivistin

7,5 Jahre Haft

Am 23. Februar 1944 begann Josef Stalin mit der Zwangsumsiedlung von mehr als 500.000 Tschetschenen und Inguschen aus ihren kaukasischen Heimatgebieten. Die Operation war im Geheimen vorbereitet worden und als sie anlief, wurde den Betroffenen jeweils nur eine halbe Stunde Zeit gegeben, um ihre Sachen zu packen. Die Behörden begründeten die Zwangsumsiedlung so: „Viele Tschetschenen und Inguschen haben ihr Vaterland verraten, sind zu den faschistischen Invasoren übergelaufen, haben sich Saboteuren und Geheimdiensttruppen angeschlossen.“

Gemäß seinem Lieblingsprinzip der Kollektivverantwortung bestrafte Stalin alle: Frauen, Kinder und Alte wurden in Güterwaggons zusammengepfercht und in Richtung Osten geschickt. Wer Widerstand leistete, wurde getötet. Tausende überlebten die lange Reise nicht, Zehntausende starben nach der Ankunft am Bestimmungsort. Es gab keine Unterkünfte, keine Nahrung, keine medizinische Versorgung. Erst nach Stalins Tod durften Tschetschenen und Inguschen in ihre Heimat zurückkehren.

Viele Jahre später war Sarifa Sautiewa stellvertretende Direktorin der Gedenkstätte für Opfer politischer Repressionen in Inguschetien. Dieses Museum widmet sich hauptsächlich der schrecklichen Geschichte der inguschischen Deportation. Sautiewa leitete das Projekt „Ich bin Augenzeuge“, für das sie die Erinnerungen von Deportierten auf Video aufzeichnete.

2018 vereinbarten der Präsident der tschetschenischen Teilrepublik Ramsan Kadyrow und sein inguschischer Amtskollege Junus-Bek Jewkurow einen Gebietsaustausch zwischen den beiden Republiken. Als die Inguschen davon erfuhren, waren sie nicht nur empört darüber, dass die Republik ihr Land, einschließlich alter Friedhöfe mit Familiengräbern, verlieren sollte, sondern auch darüber, dass ihr Regierungschef sie nicht einmal nach ihrer Meinung gefragt hatte. Die Vorbereitungen für den Austausch waren im Geheimen getroffen worden, genau wie damals Stalins Zwangsumsiedlungen.

Fast die gesamte Republik protestierte gegen das Abkommen mit Kadyrow: Zehntausende Menschen kamen zu Kundgebungen in der Hauptstadt Inguschetiens. Für eine kleine Region von nur einer halben Million Einwohnern im Nordkaukasus, in der es zudem so etwas wie eine Protestkultur nie gab, sind das hohe Zahlen.

Im Nordkaukasus ist es nicht üblich, dass Frauen irgendeine Art von Unabhängigkeit zeigen – noch weniger, dass sie sich politisch betätigen oder gar Demonstrationen organisieren, die nicht mit den Behörden abgesprochen sind: in der Region herrscht ein strenges Patriarchat. Doch Sarifa Sautiewa, eine unverheiratete Frau, ließ sich davon nicht beirren. Sie nahm an Protesten teil, sendete Live-Übertragungen von Protestmärschen und rief in den sozialen Netzwerken dazu auf, auf die Straße zu gehen. Ihren männlichen Verwandten gefiel das ganz und gar nicht. „Sie mag ja sehr klug sein, aber es wäre doch seltsam, eine Frau als einen Anführer zu bezeichnen“, erklärte Sarifas Bruder Chisir später.

Die russischen Sicherheitskräfte sahen das jedoch anders. Als im März 2019 die Proteste nach einer Pause erneut aufflammten, reagierten die Behörden nicht mehr so zurückhaltend wie zuvor. Eine der Demonstrationen wurde von einer Spezialeinheit zerschlagen, die Demonstranten leisteten Widerstand, mehrere Polizisten wurden verletzt.

Sarifa Sautiewa wurde nach dieser Demonstration verhaftet und vor Gericht gestellt. Von den 8 Angeklagten im sogenannten „Ingusch-Fall“ ist sie die einzige Frau. In Inguschetien sagt man, die Behörden wollten „die gesamte Nation demütigen, um den Widerstand so schmerzhaft wie möglich zu unterdrücken.“

Alle Beteiligten im „Ingusch-Fall“ wurden für schuldig befunden, „mit organisierter Gewalt das Leben und die Gesundheit von Regierungsbeamten bedroht“ und „an einer extremistischen Vereinigung teilgenommen zu haben“. Die Organisatoren der Kundgebung hätten angeblich geplant, Jewkurow, den Führer der Teilrepublik, zu stürzen.

Im Dezember 2021 wurde Sarifa zu 7,5 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Oktober 2022 heiratete sie in der Haft Ismail Nalgiew, einen der anderen im Ingusch-Fall Angeklagten.

Korolev
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Foto: Memorial

Wsewolod Koroljow

Dokumentarfilmer, Dichter

Wartet auf sein Urteil

Es begann, wie es im heutigen Russland üblich ist, um 6 Uhr morgens mit einer eingeschlagenen Wohnungstür und anschließender Wohnungsdurchsuchung. FSB-Beamte stürmten Wsewolod Koroljows Wohnung. Ihm wurde vorgeworfen, in mehreren Beiträgen in den sozialen Netzwerken „Fake-News“ über die von der russischen Armee begangenen Verbrechen, verbreitet zu haben, darunter die in Butscha. Das war im Juli 2022.

Seit Kriegsbeginn hatte Wsewolod Koroljow nicht nur in den sozialen Netzwerken über die Ereignisse in der Ukraine geschrieben. Er drehte auch mehrere Dokumentarfilme über Aktivisten, die gegen den Krieg in der Ukraine protestieren. Er widmet diese Arbeiten der Künstlerin Sascha Skotschilenko und der Journalistin Maria Ponomarenko, die beide wegen „Diskreditierung der russischen Armee“ angeklagt und bereits verurteilt wurden.

Koroljow nahm auch an zahlreichen Anti-Kriegs-Protesten teil, bei denen er seine spätere Partnerin Lidija kennenlernte. Einen Monat nachdem sie zusammengezogen waren, wurde er verhaftet.

Der Prozess gegen Wsewolod Koroljow geriet zur Farce. Michail Baranow, der ihn nach Angaben der Ermittler denunziert hatte, nahm seine Aussage zurück und verteidigte stattdessen den Angeklagten: „Jeder soll schreiben, was er will. Das ist Ausdruck der Meinungsfreiheit, die jedem zusteht.“

Vor seiner Verhaftung hatte Wsewolod Koroljow ehrenamtlich Menschen mit geistiger Behinderung geholfen. Seine Freundin Lidija sagt: „Seva bereut nichts. Und für mich persönlich war seine Standhaftigkeit eine Offenbarung. Ich wusste immer von seiner bedingungslosen Güte, seiner Ehrlichkeit und seinem Sinn für Gerechtigkeit. Aber erst diese Situation hat all seine Qualitäten ganz zum Vorschein gebracht.“

Da das Paar offiziell nicht verheiratet ist, sind für Lidija Haftbesuche nicht erlaubt, was besonders hart ist, da Koroljow vielleicht für 10 Jahre ins Gefängnis muss. „Es geht ihnen darum, die Stimmen der Kriegsgegner, der Gegner der russischen Invasion in der Ukraine, zum Schweigen zu bringen und die Zivilgesellschaft einzuschüchtern“, sagen Vertreter der Menschenrechtsorganisation Memorial, die Koroljow als politischen Gefangenen anerkannt haben.

ÜBER DAS RUSSISCHE GEFÄNGNIS

Es ist schwer, Menschen in Westeuropa zu erklären, was ein russisches Gefängnis ist. Man sagt, das Gefängnis sei das Spiegelbild der Gesellschaft. Ist die Gesellschaft eines Landes eine humane, gesetzestreue, wird auch das Gefängnis human sein. In einer tyrannischen Gesellschaft jedoch werden Menschen gedemütigt und vernichtet – auch im Gefängnis.

Das Ziel und die Aufgabe des russischen Strafvollzugssystems ist es nicht, einen Menschen auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, sondern die Persönlichkeit des Häftlings zu zerstören. Es herrscht dabei ein legalisiertes System stumpfer und grausamer Demütigung, das die meisten anderen Länder als Folter betrachten würden. Absurd lange Haftstrafen, fehlende warme Kleidung in eiskalten,

ungezieferverseuchten Zellen, kein Kontakt zu den Angehörigen, Prügelstrafe wegen minimaler „Regelverstöße“, Verweigerung notwendiger medizinischer Versorgung, widerwärtiges Essen und schlechtes Wasser, wovon die Zähne verrotten...

Gerade jetzt, in diesem Moment, wenn Sie diesen Text hören, finden sich die Helden unserer Ausstellung allein auf sich gestellt in diesem menschenverachtenden Strafsystem. Stellen Sie sich vor, wie sie jetzt fühlen müssen und unterstützen Sie sie!

 

Autorin Victoria Ivleva

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